Klimaschutz ohne Verzicht: Geht das?

| Text: Thomas Grumböck |

Warum zeigen die diversen TV-Sender eigentlich immer dann ihre Sommergespräche, wenn es draußen schon herbstelt? Und warum glauben eigentlich so viele Politikerinnen und Politiker, dass man das Klima retten könne, ohne irgendwo Verzicht zu übern? Das sind nur zwei Fragen, die mich derzeit beim abendlichen Fernsehen beschäftigen.

Aber egal, man muss ja eh nicht immer ins Kastl klotzen, man kann zur Abwechslung ja auch mal kurz im Internet surfen. Dort postete kürzlich ein Facebook-Freund, dass er sich für einen Tag ein Elektroauto der Golf-Klasse gemietet hatte. „Das Teil zieht ab wie eine Rakete und fährt sich gut auf glatten Straßen. Sobald aber eine kleine Unebenheit auftaucht, fühlt sich das an wie in einem Defender der ersten Baureihe – du spürst jeden Stein, man wird richtiggehend durchgeschüttelt“, lautet seine Bilanz zur Testfahrt.

Der Defender – ein legendäres und gleichermaßen klobiges Geländeauto aus dem Hause Land Rover – wog in der vom Facebook-Freund gemeinten Baureihe übrigens rund 1,8 Tonnen. Der riesige Offroader war somit exakt so schwer wie das brandneue, vom Facebook-Freund gemietete Elektro-Vehikel. Kein Wunder, dass sich 1800 Kilo in einem Fahrzeug der Golfklasse alles andere als leichtfüßig anfühlen. Jedenfalls passt das Verhältnis von Gewicht und Fahrzeuggröße in keiner Weise zusammen. Auch mit Effizienz hat es nicht viel am Hut, wenn 1,8 Tonnen Fahrzeug notwendig sind, um eine Person von A nach B zu bringen. Sitzt ein 80-Kilo-Mann am Steuer, braucht es 22,5 Kilo Fahrzeug für ein Kilo Mensch. Lenkt das neue Elektroauto eine 50 Kilo leichte Dame, dann verschlechtert sich das Gewichtsverhältnis gar auf 36:1. Selbst wenn beide im Auto säßen, sieht es mit einem Wert von 13,8:1 noch immer ziemlich trist aus. Kurzum: Der Body-Maß-Index heutiger Elektroautos ist eine Katastrophe – sie sind adipös wie japanische Sumo-Ringer und entwickeln sich gemeinsam mit den SUVs zu den größten Dickschiffen, die auf unseren Straßen unterwegs sind.

Noch mal zurück zu den oben genannten 22,5 Kilo: Exakt so schwer ist mein E-Bike. Sitze ich mit meinen 77 Kilo im Sattel, braucht es knapp 0,3 Kilo E-Bike, um ein Kilo Mensch von A nach B zu transportieren. Da sieht die Welt gleich ganz anders aus! Oder anders ausgedrückt: Beim Verhältnis Fahrzeuggewicht zu transportiertem Gewicht ist mein E-Bike knapp 80-mal effizienter als ein Elektroauto der Golf-Klasse. Na Bumm.

Die Frage, ob es beim Klimaschutz ohne Verzicht gehen wird, verneint sich im Prinzip von selbst. Auch wenn es – wie uns viele aus der Politik immer einreden wollen – 2050 vielleicht neue technischen Lösungen geben mag, hilft das dem Klima heute und in den kommenden Jahren schlichtweg gar nichts. Verzicht muss ja nicht heißen, sich zu kasteien und zu leben wie ein Eremit in seiner Klause. Vielfach würde es schon reichen, den Wohlstandsspeck abzulegen und sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren. Beim Elektroauto hieße das: Sind eine Vierzonen-Klimaautomatik, ein Soundsystem mit zwölf Lautsprechern, ein Bildschirm groß wie ein Computermonitor und zwei Dutzend Elektromotoren, die die Sitze verstellen, den Kofferraum automatisch schließen oder das Fahrwerksniveau regulieren, wirklich notwendig?

Die Antwort ist einfach: Gewicht ist gleich Verbrauch. Daran wird sich wie bei allen anderen Gesetzen der Physik auch 2050 nichts geändert haben. Deshalb sollte man gerade beim Klimaschutz im hier und jetzt leben und nicht auf etwas hoffen, was ohnehin nie eintreten wird.

1 Antwort
  1. Birgit

    Tolle Vergleiche und Zahlen!!!
    Apropos Wohlstandsspeck abbauen:
    Laut BOKU essen wir in Österreich durchschnittlich 63 kg Fleisch im Jahr, das sind 3x so viel wie von Gesundheitsexperten empfohlen.
    Schon 20 % weniger Fleischkonsum in Österreich würde den Import von Gensoja aus Südamerika als Futtermittel, für den massenhaft Tropenwald zerstört wird, überflüssig machen.

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